Die Augenoptik nach dem Covid-19 Shutdown

von Pascal Blaser und Gero Mayer, 12. April 2020 

Dieser Artikel soll eine Diskussion über die Zukunft der Augenoptik anregen.

Denn genau so wichtig wie der Umgang mit dem Shutdown ist auch der Umgang mit den möglichen Exit Strategien.
Nur so können wir eine mögliche zweite Krise abwenden. Die Wirtschaftskrise als Folge der Corona Krise ist eine echte Gefahr und betrifft uns alle zusammen. 

LINK zum Hygiene Gutachten von Prof. Dr. med. Dr. h.c. Martin Exner für die Fielmann AG

Inhalt

Die aktuelle Pandemie mit Virus SARS-CoV-2 konfrontiert die Schweiz wie viele andere Länder mit bisher nicht gekannten Problemen: Ein neuartiger Virus breitet sich schnell in der Bevölkerung aus und verursacht schwere Erkrankungen mit Todesfolgen bei besonders gefährdeten Personen. Da das Virus und die von ihm hervorgerufenen Erkrankungen und Verbreitung noch verhältnismässig unbekannt sind, lassen sich die Risiken und Exitstrategien nur mit grossen Unsicherheiten beurteilen. Eine Aussage über die Anzahl von infizierten Personen ist durch die Dunkelziffer ohne Antikörpertests schwer zu validieren.

Angesichts dieser Situation hat der Bundesrat eine ausserordentliche Lage ausgerufen und verschiedene Massnahmen zur Stärkung des Gesundheitssystems verabschiedet.  
Diese Einschränkungen, die zum Teil tief in die Grundrechte eingreifen, umfassen Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen, Veranstaltungsverbote, Schulschliessungen sowie die Schliessung verschiedener Industriebetriebe und Geschäfte (Shutdown).

Ziel solcher Massnahmen ist ein Abflachen der bisher steil ansteigenden Kurve der Infektionszahlen, die Vermeidung einer Überlastung der Krankenhäuser durch steigende Intensivpflege, welche zurzeit in Italien, Spanien und anderen Ländern beobachtet werden.
Diese gewählten und zum Zeitpunkt notwendigen Massnahmen haben negative Konsequenzen auf das wirtschaftliche Fundament der Schweiz und daher auch auf die Optik Branche.

Anders als bei vielen anderen Branchen ist die Optik, bzw. Optometrie in der Schweiz als Gesundheitsberuf und Anbieter von Medizinprodukten nicht von den weitreichenden Schliessungen der Ladengeschäfte betroffen. Auch die Optik Industrie in der Schweiz arbeitet unter den neuen Bedingungen weiter und versorgt die Fachbetriebe mit den benötigten Produkten. Durch die Verordnung des Bundes, sind aber die Öffnungszeiten oft eingeschränkt und die Tätigkeiten auf ein medizinisches Minimum beschränkt worden. Ein Verkauf im eigentlichen Sinne ist daher nicht gegeben und es werden deutliche Umsatzeinbussen verzeichnet.

Die wirtschaftliche Unterstützung für Selbständige, die nicht von einer kompletten Schliessung des Betriebes betroffen sind, ist noch nicht abschliessend oder befriedigend geklärt. 

Der Bundesrat hat zwar unterschiedliche Massnahmen ergriffen, um einen möglichst grossen Schaden in der Wirtschaft abzufedern, aber ein funktionierendes Wirtschaftssystem ist auch die Voraussetzung für ein funktionierendes Gesundheitssystem.

Der Shutdown läuft jetzt ungefähr seit 3 Wochen und schon kommt die Frage auf, wann und besonders wie der Weg aus dem Shutdown aussehen kann.

Stand heute 12. April, den Pressekonferenzen und den Medienberichten zu folge, scheint es so, dass der Bundesrat die ersten Lockerungen für Ende April verkünden wird.
Wie ein optimaler Exit aussieht und wie die Folgen des gewählten Exits aussehen, sind aufgrund des neuartigen Virus noch nicht konkret abzuschätzen. 

Was machen unsere Nachbarn?

Österreich wird das erste Land in Europa sein, welches mit den Lockerungen anfängt. Die Verordnung dazu wurde auf der Webseite des Optikum.at am 10. April veröffentlicht:  

Darin ist festgelegt, dass in einem Augenoptikbetrieb 

Mitarbeiter mit Kundenkontakt sowie Kunden um den Mund- und Nasenbereich gut abdeckende mechanische Schutzvorrichtung als Barriere gegen Tröpfcheninfektion tragen müssen,  

Einen Abstand von mindestens einem Meter eingehalten werden muss,  

Maximal ein Kunde je 20m² Verkaufsfläche das Geschäft betreten darf. 

Quelle:
https://www.optikum.at/covid-19-augenoptikergeschaefte, darin befindet sich der Link zum Sozialministerium: https://www.sozialministerium.at/dam/jcr:5713c451-519c-4cbc-be05-a239644c1fe5/BGBLA_2020_II_151.pdf

Die Regierung in Deutschland hat derzeit noch keinen offiziellen Plan für den Exit veröffentlicht. Eine Taskforce bestehend aus unterschiedlichen Professoren unterschiedlicher Fachbereiche und von verschiedenen Universitäten haben eine umfassende Empfehlung für eine Exitstrategie veröffentlicht. 

Es gilt Risikoorientierte Massnahmen zu finden, die einerseits eine gute gesundheitliche Versorgung sichert und wirtschaftliche Sicherheit den Betrieben gibt. Wie schon mit den unterschiedlichen derzeitigen Massnahmen in den unterschiedlichen Regionen, könnten der Ausstieg entsprechend der Lage in den Regionen in unterschiedlichen Schritten gezielt vorgenommen und variiert werden.
Die konkreten Maßnahmen können sich unterscheiden nach (1) Regionen, (2) Personengruppen, (3) Bereichen des gesellschaftlichen Lebens und (4) wirtschaftlichen Sektoren.
Im Gegensatz zu Österreich sollen die Schulen und Kinderstagestätten zuerst geöffnet werden.
Sektoren, in denen gut mit Homeoffice und digitalen Techniken gearbeitet werden kann, haben weniger Priorität als Sektoren, in denen das nicht geht; z.B. die Augenoptikbetriebe.
Das verarbeitende Gewerbe sollte von der Öffnung als erstes profitieren.
Weiter wird von der Taskforce stark regionale Unterschiede bei den Lockerungen empfohlen. Regionen mit niedrigeren Infektionsraten, weniger Verbreitungspotential (können), hoher Immunität und freien Kapazitäten in der Krankenversorgung können eher geöffnet werden.

Quelle
Anlagen Coronavirus-Pandemie-Strategie-Fuest-Lohse-etal-2020-04 

Schutzmassnahmen für die Zeit der Lockerung 

Ein Ziel für zukünftige Massnahmen stellt der verbesserte Schutz vor Neuinfektionen dar.
Dazu müssen zum einen die allgemeinen Hygieneempfehlungen (Händewaschen, -desinfektion, Husten in den Ellenbogen) von der gesamten Bevölkerung unbedingt weiter beachtet werden.
Zum anderen können Mund-Nasen-Schutz die Übertragung der Virus Tröpfchen reduzieren. Die Wirksamkeit dieser Masken ist in der Wissenschaft noch umstritten und bei unsachgemässer Handhabung wahrscheinlich eher kontraproduktiv. Sie können den Träger eine falsche Sicherheit geben. Ein weiterer wichtiger Punkt wäre hier auch eine ausreichende Verfügbarkeit dieser Masken für die Bevölkerung in Anbetracht des grossen Bedarfs im Gesundheitswesen in Spitäler, Alters- und Pflegeheime.

Umfrage von Heiko Pult zur mittelfristigen Arbeitsweise 

Dr. Heiko Pult hat kürzlich eine Umfrage in der Augenoptik zur Arbeitsweise in der Phase nach dem Shutdown der Corona Pandemie bis Immunisierung erstellt und die ersten Resultate veröffentlicht. Die detaillierten Resultate werden später in Fachzeitschriften veröffentlicht (Link später hier).

An der Umfrage haben über 257 Personen aus der Augenoptik aus Deutschland, Österreich und der Schweiz teilgenommen. Sowohl bei den eigenen Massnahmen der Augenoptikbetriebe als auch bei den Erwartungen von den Kunden sollen die Hygienevorschriften mit Händewaschen und Desinfektion weiter umgesetzt werden. Rund die Hälfte werden für sich und den Kunden einen Mund-Nasen-Schutzmasken verwenden.

Quelle:
Dr Heiko Pult, Optometry and Vision Research, Weinheim, 04/2020 Publikation Status: accepted for publication CLAE.

Wie können und werden die Schutzmassnahmen in der Schweiz Augenoptik umgesetzt? 

Zum heutigen Zeitpunkt kennen wir von der Regierung noch keine Empfehlung und Richtung wann und vor allem wie die Vorschriften im Umgang mit den Kunden während der Lockerungen aussehen wird. Eine nationale, branchenübergreifende Verordnung in der Umsetzung wie in Österreich scheint nicht sinnvoll. Die jeweiligen Verbände, bei uns die OPTIKSCHWEIZ, kann hier für die Augenoptik und deren Arbeitsbereiche die Empfehlungen ausarbeiten. Generell wurden Hygienemassnahmen in der Augenoptik während dem Shutdown schon umgesetzt.

Die gesetzlichen Vorgaben zu Abstandseinhaltung, Verwendung von Schutzausrüstungen und Schutzmassnahmen sollten an die jeweilige Branche entsprechend den Risiken der Kontakte angepasst werden.

Bei Risikogruppen könnten mit nicht dringend notwendigen Untersuchungen weiter verschoben und/oder höhere Schutzmassnahmen vorgegeben werden.

In der Augenoptik haben wir viele Tätigkeiten in einem Arbeitsabstand von weniger als einem Meter. Bei einer allgemeiner Vorschrift eines Mindestabstands von eineinhalb oder zwei Meter könnte einen Grossteil unserer Arbeit nicht oder schwierig durchgeführt werden. 

Von vielen Kollegen werden Schutzmasken in der Notversorgung verwendet sowie wurden Schutzschilder für Spaltlampen montiert. Eine ordentliche Reinigung der Hände im Kontakt mit Kunden, besonders in der Kontaktlinsenanpassung, sollte schon vor dieser Krise normal gewesen sein.

Um ein Risiko einer Ansteckung weiterer Kunden und den Mitarbeiter zu vermindern, sollten die Arbeitsplätze umgestaltet (Plexiglas zwischen den Arbeitsplätzen, grössere Distanzen, etc.) werden. 

Refraktionen können mit den Schutzmassnahmen von Hygiene und Atemschutz weiterhin ohne ein erhöhtes Risiko durchgeführt werden. 

Für die Brillenwahl gibt es noch offene Fragen: 

  • Wie wird man eine Brillenanprobe mit Schutzmaske durchführen, und wie kann man dem Kunden die Möglichkeit geben, eine Zweitmeinung einer Vertrauensperson einzuholen, wenn nur eine (sehr) beschränkte Zahl an Personen im Geschäft zusammen sein darf? Normalerweise ist diese mit bei der Anprobe dabei. Eine Vorauswahl als Leihgabe?  
  • Wie wird mit den aufgesetzten Brillenfassungen umgegangen? Müssen sie jedes Mal desinfiziert werden? Was ist mit Brillen, welche nicht mit Desinfektionsmittel gereinigt werden dürfen? 

Wahrscheinlich wird zu Beginn weiter eine maximale Anzahl an Personen im Geschäft vorgeschrieben sein.
Wie kann man den Empfang vor und im Geschäft für den Kunden optimal nutzen?  Zum Beispiel kann eine Desinfektion der Hände und auch Schutzmasken vor Eintritt, aber auch Informations- und Angebotsflyer angeboten werden. Wie wird mit einer Schlange vor dem Geschäft umgegangen?

Die Reparatur von Brillenfassungen war während der Notversorgung noch möglich. Hier gab es für den Umgang dieser Brillengestelle in der Werkstatt sicherlich schon unterschiedliche Vorgehensweisen. Was sind hier die Empfehlungen zur Desinfektion und ist diese überhaupt notwendig?
Viel wurde in Diskussionen über ein Verbot von Ultraschallreinigung der Brillen diskutiert. Ist das wirklich ein Risiko für eine Übertragung?
Soll in der Werkstatt mit Handschuhen gearbeitet werden oder Reinigung und Desinfektion der Hände reicht aus? 

Diese Covid-Krise hat die meisten Menschen und Regierungen trotz allen Vorhersagen, dass ein solcher Virus irgendwann einmal auftauchen wird, überrascht und kurzfristig die Erde etwas weniger schnell drehen lassen. Es wurden in sehr kurzer Zeit Verordnungen, Empfehlungen, Schliessungen, Kontaktverbote und Hilfspakete ausgesprochen.
Nun liegt es an den Regierungen, dem Markt und uns selbst mit den Folgen bestmöglich umzugehen. Vor uns liegen besondere Zeiten und es liegt an uns und unserer Gemeinschaft wie wir aus dieser Krise wieder, vielleicht sogar gestärkt, wieder herauskommen. Es gilt in der Kommunikation und Umgang mit den Kunden zusammen den Verpflichtungen als Gesundheitsberuf gerecht zu werden.

Und so uns und unsere Mitmenschen weiter zu schützen. 

Also lassen Sie uns zusammen einen gewinnbringenden Diskurs führen und schauen wir positiv in die Zukunft. Miteinander

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare und interessante Diskussionen.

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